4W: Was war. Was wird. Das Paradies liegt um die Ecke

Eichhörnchen

Das transsexuelle Eichhörnchen vermissen wir eigentlich immer noch. Aber immerhin gibt es jetzt auch in Deutschland hochoffiziell wenigstens noch ein drittes Geschlecht.

(Bild: Elli Stattaus, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Harte Arbeit ist hart. Und sonst nix: Nix mit protestantischer Ethik und so, der moderne Kapitalismus straft Max Weber Lügen. Hal Faber aber vermisst ganz andere Dinge als diese komische Arbeitsethik.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war. Was wird. Das Paradies liegt um die Ecke

*** Da feiert Gott und die Welt die 95 Thesen des abtrünnigen Mönchleins Martin Luther, der die Nase voll hatte von der Finanzierungspraxis seiner Kirche. Windige Ablässe für alle möglichen Taten sollten ja helfen, diesen Petersdom in Rom endlich fertig bauen zu können. Heraus kam der Protestantismus und mit ihm eine Lebenseinstellung zu harter Arbeit als bester Weg in aller Menschen Paradies, nach dem Leben. Dann kam noch so ein Deutscher daher und schrieb ein Buch über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus. Geist meint den Verstand und nicht das Gespenst, das nach Marx in Europa herumgeht und eben diesem Kapitalismus den Garaus machen will. Max Weber schrieb sein wichtigstes Buch, nachdem er die USA bereist und protestantische Sekten aller Art kennengelernt hatte, Quäker, Baptisten und viele andere, die predigten, dass der Mensch in der Arbeit seine Berufung findet. Für Weber war ausgerechner Benjamin Franklin der Prototyp des typischen Frühkapitalisten, bei dem sich alles um Geld dreht und bezeichnete seine ständigen Rechnereien als „Philosophie des Geizes“, nicht des Geistes. Franklin zum Beispiel rechnete den Parisern auf den Centime genau vor, wieviel Kerzen sie sparen würden, wenn sie im Sommer die Uhren verstellen würden – und setzte damit eine Debatte in Gang, die direkt zu unserer Diskussion über Sinn und Unsinn der Sommerzeit führt.

*** Und nun das: Ausgerechnet die Paradise Papers zeigen, dass harte Arbeit hart ist aber auch nur das und der Geist des Kapitalismus schlicht nach Steuerlöchern in Löcherländern schnüffelt. Das geschickte Ausnützen von legalen Steuertricks ist jedenfalls eine paradiesische Wohltat für den zeitgenössischen Kapitalismus. Und das Beste ist: Die Paradiese liegen über all im Hier und Jetzt, im Diesseits, auf der Isle of Man, auf Malta oder eben in den Niederlanden. Sie werden von den Meininger-Hotels genutzt, von Bono, dem Sänger oder von den angeblichen Erben von Maurice Ravel. Man muss sie nur suchen, wie es die Firma Apple machte, die in harter Arbeit das iPhone X herstellen lässt. Da erkundigten sich Juristen bei der Kanzlei Appleby ganz ungeniert, wo Apple sich garantiert steuerfrei und transparentfrei, ohne Belästigungen durch eine Opposition oder durch Nichtregierungsorganisationen niederlassen kann. Dann gibt es diese Geschichte mit den Logos und Warenzeichen, für die Nike an Nike so viel Lizenzgebühren zahlen muss, dass der schöne Gewinn einfach weg ist, dort, wo Lizenzeinnahmen nicht versteuert werden müssen. Da kann ein kleiner Millionär sich noch so sehr entrüsten und gut lutheranisch die Reichen in die Hölle schicken, die Löcherschlüpfer, „die Asozialen“ (so ein geschützter Bericht der zum Rechercheverbund gehörenden Süddeutschen Zeitun hinter der Paywall) stört es wenig, die machen es einfach.

*** Was bleibt dem Mann der schwieligen Faust, der Kittelträgerin im Supermarkt? Der Griff zum Lottoschein und der Griff zur Heimat, aber nicht die Heimat als Utopie. Ein Bedürfnis nach einer „Verankerung in regionalen Gemeinschaften“ soll es schon sein in einer Zeit, in der die Menschen sich nach mehr und mehr Sicherheit sehnen, während die Markforscher ein Unsicherheitsgefühl auf dem Stand der 50er Jahre diagnostizieren. Die Individualisierung und Anonymisierung fordert Opfer und nimmt den Bürgern das Vertrauen. Man denke nur an die fehlende Kennzeichnungspflicht bei den Polizisten oder den Algorithmen. Das große Unbehagen ist da. Eine Flut von Ratgebern versucht, dieses zu verscheuchen, mit Tipps wie dem, mehr Spaziergänge in der Natur zu unternehmen oder online das Geschlecht zu wechseln.

*** Immerhin gibt es jetzt deren drei, auch wenn das transsexuelle piratige Eichhörnchen schmerzlich vermisst wird. Für ein „weiteres Geschlecht unter einer einheitlichen dritten Bezeichnung“ hat das Personenstandsgesetz nun Platz, wenn der Bundestag dies bis zum Dezember 2018 beschließt. Gegen die rechte Hetze auf den Hippiestaat, der dieses für Volksdeutsche offenbar unbegreifliche Dritte verordnet hat und denen angeblich etwas weggenommen wird, passt als Antwort der IT-Szene immer noch Donna Haraways Cyborg Manifesto auf die eingeschränkten Sichtweisen. Monströse Versprechen eben, diese Multispezies-Assemblagen, eine jede für sich angenehmer als ein Gender-Choleriker. Natürlich gibt es auch Datenschützer, die jubeln, wenn die Option gezogen wird, die die Verfassungsrichter ebenfalls als verfassungstreue Lösung zulassen: Der Bundestag kann völlig auf die Zuordnung zu Geschlechtern verzichten und Algorithmen in tiefe Verzweiflung stürzen, die das Datenfeld Herr/Frau auswerten.

Die Medizinmesse Medica startet morgen in Düsseldorf und deshalb hat sich die Gematik gerührt, um den schlechten Nachrichten zur Gesundheitskarte gegenzusteuern. Denn auch dort gibt es das große Unbehagen. Die KoCoBox MED+ wird als erster zugelassener VPN-Konnektor präsentiert, ebenso das erste Kartenterminal ORGA 6141 online. Bei der Compugroup Medical ist es der VPN-Zugangsdienst, der die Zulassung geschafft hat, bei der Bundesdruckerei die Herstellung von Praxisausweisen für Zahnarztpraxen. Es geht voran mit einem Projekt, bei dem bislang wenig voran ging. Dann ist da noch dieses Projekt Jamaika, das viel Geld in eine Investitionsoffensive der Digitalisierung in Krankenhäusern stecken will, einer der wenigen Punkte, wo die Sondierer mit den Sonden Gelder fanden. Bleibt nur noch die Frage, ob wir durch das Geschick des genialischen Mister X wieder einen Gesundheitsminister vom Format eines Philip Rösler (Hainan Cihang Charity Foundation, China) oder Daniel Bahr (Allianz Private Krankenversicherung, Berlin) zu bekommen. Immerhin geht es nach all den Sonden und Themen jetzt an die Personaldebatte, mit Aufschlag aus dem Bayerischen.

Innenminister Joachim Herrmann ist demnach seit einiger Zeit gesetzt und hat den schönen Zusatztitel „Flüchtlingsminister“ bekommen. So hat er genug zu tun fernab der bajuwarischen Streitereien und dieser Partei, die bundesweite CSU werden und ihr blaues Wunder erleben will. Damit kann das große Abschiednehmen von Thomas de Maizière beginnen, der dieser Tage einen matten Eindruck macht. Wie die IT-Spezialisten, die Poliszei, das BSI und die Bundeswehr auf die Cyberangriffe mit einem Hackback reagieren können, will er der nächsten Bundesregierung überlassen. Noch aber ruft das Amt und der jährliche Kongress seiner Bundeskriminalisten, denn die Polizei ist im Umbruch. Es geht um nichts weniger als die „Cyberfähigkeit“ von Polizei und Strafverfolgern, wie es Referenten formulieren.

Was war. Was wird. Das Paradies liegt um die Ecke

Schießen und Datenlöschen können sie beim BKA und den angeschlossenen Länderämtern, nun muss noch das schnelle Cybern geübt werden. Das passende Absperrband für Cyberräume gibt es schon, es wird auf dem 34C3 in Leipzig eingesetzt und sorgt für Ordnung in der großen Halle des Cybervolkskongresses, der nun auch bald ins Haus steht. Früher hatten sie da nur Kabelsalat. (Hal Faber) / (jk)

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