4W: Was war. Was wird. Von Sondierungen und anderen Sonderbarkeiten.

Herbst mit Blaubeere. Aber ohne Fats Domino.

(Bild: Ilona Ilyés, Gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Ja, es ist Herbst. Die Stürme zíehen durchs Land, der Weg in die Sonne scheint weit. Hal Faber befürchtet, dass auf dem Weg nach Jamaika weise Worte des letzten verbliebenen öffentlichen Intellektuellen keine Beachtung finden.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** I’m walkin‘, yes indeed, I’m talkin, by you and me, I’m hopin‘, doch nun ist er nicht mehr hier, sondern ist gegangen. Antoine Domino, bekannt als Fats Domino ist nach seinem letzten Jambalaya Chuck Berry gefolgt. Ain’t that a shame? Wir werden sehen. Rythm and Blues wird es immer geben und dieser Rock ’n Roll ist mehr als Hintergrundtaktschrummel für Sporttänzer. Ja, Little Richard und Jerry Lee Lewis leben noch, genau wie Chubby Checker, der Anti-Fats. Jedenfalls überlebte der zu New Orleans gehörende Fats Domino den Hurrikan Katrina und half mit Konzerten wie Alive and Kickin‘ beim Wiederaufbau.

*** Ob die Funktionäre ganz und gar verrosten —
is ja janz egal!
Ob der schöne Rudi den Ministerposten
endlich kriegt — (das wird nicht billig kosten)
is ja janz egal!
Dein Geschick, Deutschland, machen Industrien,
Banken und Schifffahrtskompagnien — welch ein Bumstheater ist die Wahl! (Kurt Tucholsky)

Was war. Was wird. Von Sondierungen und anderen Sonderbarkeiten.

Der Deutsche Bundestag ist zusammengetreten und hat die ersten Geschmacklosigkeiten der AfD gehört, ein bisschen gewählt und wartet ansonsten auf das Gefummel, das sich Koalitions-Vorgespräche nennt. Von außen her betrachtet, erinnern diese Sondierungen an das Getümmel wie bei den Minikickern, mit brüllenden Eltern an der Twitter-Seitenlinie. Wobei es da immerhin Spielregeln gibt. Mal eben das Finanzministerium zerschlagen, damit der schöne Christian nicht Europa demoliert, gehört noch zu den netteren Fouls. Niemand geringeres als Jürgen Habermas hat sich dieser Tage zu Worte gemeldet und den deutschen „Wirtschaftsnationalismus“ angeprangert, dieses deutsche Wohlstandsdenken auf Kosten europäischer Landsleute. Barrierefrei nur auf Englisch verfügbar, aber sei’s drum, das haben wir ja auch parat. Der Kenner des deutschen Parlamentarismus wäre schon erleichtert, wenn die Koalitionäre verstehen, was Macron eigentlich für Europa bedeutet:
„When looked at dispassionately, though, it is just as unlikely that the next German government will have sufficient far-sightedness to find a productive, a forward-looking answer when addressing the question Macron has posed. I would find some measure of relief were they even able to identify the significance of the question.“

*** Kommt in den Jamaika-Verhandlungen eine Mehrheit zustande, die das Projekt Europa wieder angehen kann oder starren alle wieder auf die schwarze Null, die in unserer christlich-abendländischen Kultur das Kreuz und die Friedenstaube abgelöst hat? Gerade beim angeblich alle drei Parteien vereinenden Oberthema der Digitalisierung läuft angesichts des real existierenden Miserabelismus gar nichts ohne eine europäische Strategie. Die aktuelle E-Privacy-Verordnung zeigt ja, was europaweit möglich ist, die Klage gegen Google ebenso. Derweil geht in den USA die „Angst vor dem Valley“ und seinen Disruptionsplänen um, bestimmen doch die Technikriesen und nicht Trump, wie sich die allgemeine Wirtschaft entwickelt.

*** Neben dem Gerangel um das Finanzministerium wird das Arbeitsministerium für Hermann Gröhe sauber geschrubbt, was dazu führt, dass man sich mit dem Gedanken an eine Gesundheitsministerin Göring-Eckardt anfreundet. Was dies für die Zukunft von eHealth bedeutet, ist völlig unklar, etlichen Beteilgten aber völlig egal. Es muss doch einen Weg geben, diesen Datenreichtum strategisch zu verwerten. Munter basteln die Krankenkassen an verschiedenen Modellen, natürlich jede für sich. Apart ist auch die Idee, Amazons Cloud mit Gesundheitsdaten zu befüllen, ganz smart und stressfrei.

*** Derweil erklärt mindestens eben so gelassen der noch amtierende Außenminister Sigmar Gabriel seinen Genossen Gerhard Schröder zur Lichtgestalt der Sozialdemokratie. Der Rosneft-Aufsichtsratsvorsitzende soll in einer „Geheimmission“ in die Türkei geflogen sein, um den deutschen Menschenrechtler Peter Steudtner und den iranisch-schwedischen IT-Experten Ali Gharavi sowie fünf Mitarbeiter von Amnesty Türkei frei zu bekommen. Weil alles so geheim ist, kann spekuliert werden, welchen Anteil Rosneft an der Geschichte hatte. In der Türkei gehört die Firma zu den Guten, weil eine Öl-Pipeline durch Kurdistan bis in die Türkei angekündigt ist. Auch in Malta ist Rosneft gern gesehen, wie es die Panama Papers zeigen. Dort kam die Journalistin Daphne Caruana Galizia ums Leben, als sie zum Öl-Schmuggel der Mafia mit Libyen recherchierte.

Wenn diese Zeilen erscheinen, ist die Zeitumstellung geschafft – oder auch nicht, der Server muss ja nicht ausschlafen und auf der Datenautobahn nachts um drei, da geht es wild zu. Vielleicht ist der Hokuspokus auch bald ganz vorbei, denn die EU will unter Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen prüfen, ob die Zeitumstellung noch Sinn ergibt. Da sind wir aber gespannt. Die erste umfassende wissenschaftliche Analyse der Umstellung auf Sommerzeit erfolgte im ersten Weltkrieg in den USA und endete mit dem schlichten Ergebnis: „Set the clock ahead one hour and win the war!“ Kriegsgegner Deutschland hatte da schon umgestellt.

Die Woche wird vom Reformationstag und den 95 Thesen bestimmt, mit der die Reformation an Fahrt gewann. In diesen unseren atheistischen, polyreligiösen Zeiten hat eine Tageszeitung schon einmal die 95 Thesen an das hier und heute mit neuen steilen Thesen angepasst. Steile These Nr. 21: „Der Journalismus hat heute eine bessere Qualität als früher“. Na bitte, es geht doch. Manche Thesen sind einfach zu albern? Dann haben Sie nicht die 95 Thesen gelesen, mit denen der Bundesverband deutscher Unternehmensberater unter Verweis auf Martin Luther von den 95 Hammerschlägen spricht, die einen „kräftigen Anstoß in Richtung der deutschen Wirtschaft“ zu mehr Führungskompetenz versprechen. Da gibt es wahrlich behämmerte Thesen wie „Die Führungspersönlichkeit von morgen arbeitet mit intelligenten Fragezeichen, nicht mit Ausrufezeichen.“ Erster!!einself!!, das ist ein für allemal vorbei. „Alexa, was ist der Sinn des Lebens?“, so muss man sich das intelligente Fragezeichen wohl vorstellen.

Was war. Was wird. Von Sondierungen und anderen Sonderbarkeiten.

Als Alternative zum Reformationsfeiertag bietet sich Allerheiligen an, besser bekannt als Halloween, gerade in der IT, wo die nunmehr auch vergilbten Halloween-Dokumente immer noch ein angenehmes Gruseln hervorrufen. Dieses Jahr gibt es etwas anderes zum Gruseln, eine Künstliche Intelligenz namens Shelly A.I., die neue Frankenstein-Geschichten verfasst, inspiriert von den Gruselgeschichten von Nosleep. Tja, die Zeiten sind nicht mehr fern, in denen eine Hal Faber A.I. die Wochenschau schreibt, basierend auf den Kommentaren in den Heiseforen. Mitunter wird da eine einzige Nachricht für eine Guselgeschichte und einen Krimi reichen.

Saturday mornin‘, oh Saturday mornin‘
All my tiredness has gone away
Got my money and my honey
And I’m out on the stand to play

Sunday mornin‘ my head is bad
But it’s worth it for the time that I had
But I’ve got to get my rest
‚Cause Monday is a mess
(Fats Domino, Blue Monday) (Hal Faber) / (jk)

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