Samsung Note 8 im Test: Dicker Brocken mit toller Kamera

Explodiert nicht und kommt nach Europa – das reicht den gebeutelten Stift-Fans nach drei Jahren Durststrecke schon. Alle anderen müssen die Doppel-Kamera, das Spitzen-Display und die schnelle Hardware gegen den immens hohen Preis abwägen.

Einen ganz schönen Brocken hat Samsung hier zusammengebaut, das ist der erste Eindruck vom Galaxy Note 8. So dick hatte ich das Note 7 – vor dem Rückruf hatten wir ein Testgerät für ein paar Tage – nicht in Erinnerung, und auch das dem Note 8 sehr ähnliche Galaxy S8+ fällt kleiner aus. Tatsächlich ist das Note 8 das schwerste der drei (190 Gramm gegenüber 170 beim Note 7 und 173 beim S8+), und mit 8,6 Millimetern auch das dickste (Note 7: 7,9 mm, S8+: 8,1 mm). Immerhin bekommt man dafür ein 6,3 Zoll großes Display – spürbar mehr als das Note 7 mit 5,7 Zoll. Hieran wird deutlich: Das Note 8 ist kein Note 7 mit verbessertem Akku, sondern eine komplette Neuentwicklung auf Basis des S8+.

Das an den Seiten nach hinten gebogene Display soll den Eindruck eines besonders dünnen Rahmens erwecken, was aber nicht ganz stimmt: An der Seite bleiben etwa zwei Millimeter übrig, eher etwas mehr als beim S8 und S8+. Dadurch ragen die eigenen Fingerkuppen weniger ins Display. Den Rahmen über und unter dem Display hat Samsung wie erstmalig beim S8/S8+ (siehe Test auf c’t) deutlich verkleinert, was sich genauso wie dort auswirkt: Ein Hauch Science-Fiction, der Home-Knopf samt Steuertasten entfällt, der Fingerabdruck-Sensor wandert auf die Rückseite neben die Kamera.

Das Display selbst überzeugt in jeder Hinsicht: Superhell (700 cd/m2), hohe Auflösung, brillante Farben. Laut Samsung deckt es den DCI-P3-Farbraum komplett ab (die genaue Messung im c’t-Labor folgt noch), Netflix nutzt das aus und spielt Filme als HDR ab. Alle anderen Apps zeigen allerdings überzeichnete Farben – wen das stört, der reduziert das Display in den Einstellungen auf sRGB. Android 8 wird Farbprofile und damit eine natürliche Darstellung von Fotos unterstützen; passend dazu hat Samsung den eigenen Browser auf die Chrome-Engine v56 aktualisiert, sodass er endlich Farbprofil-fähig ist.

Wie beim S8/S8+ lässt sich die genutzte Display-Auflösung verstellen, ausgeliefert wird das Note 8 nicht in der nativen Auflösung von 2960 × 1440, sondern 2220 × 1080 Pixel. Das spart etwas Akkulaufzeit, beschleunigt Spiele – der Manhattan onscreen 3.1 des GFX-Bench läuft dann beispielsweise mit 40 statt 21 fps – und dürfte für die meisten Anwender scharf genug sein. Fans von superknackscharfer Schrift (wie ich) stellen das aber unter Einstellungen/Anzeige sofort hoch. Wie bei fast allen modernen Android-Geräten passt man dort auch Schrift- und Layout-Größe den eigenen Wünschen an.

Wer das S8/S8+ noch nicht ausprobiert hat: Auch beim Note 8 lassen sich die fehlenden Steuertasten unten auf dem Display einblenden; genug Platz für die Apps bleibt dank des Seitenverhältnisses von 18,5:10. Einige Apps starten im Vollbild, anderen kann man es in den Einstellungen genehmigen; zudem lässt sich die Navigationsleiste manuell ausblenden. Dann bekommt man sie per Wisch von unten wieder eingeblendet. Oder man drückt beherzt kräftig in der App dorthin, wo sonst die Home-Taste liegt: Das Note 8 erkennt den festeren Druck, interpretiert ihn als Home-Taste und man landet auf dem Startbildschirm.(an anderen Stellen funktioniert dieser „Force Touch“ allerdings nicht).

Unpraktischer ist der Fingerabdruck-Scanner auf der Rückseite: Um ihn zu erreichen, muss man das Gerät anheben und den Bereich erfühlen, wobei man leicht die Kameralinse verschmiert. Im Vergleich zu Fingerabdruckscannern im Home-Knopf kam uns der Rücksensor weniger präzise vor, selten klappte das Entsperren im ersten Versuch.

Alternativ nutzt man die Gesichtserkennung. Gerade wenn das Handy auf dem Tisch liegt, benötigte das Entsperren aber ein paar Kopfwackler und Sekunden und dauerte somit länger als die Eingabe einer PIN. Zudem erkannte das Note 8 mich nicht ohne meine Brille. Puh, man muss also vielleicht mehrere Finger und sich selbst mit mehreren Brillen, Mützen, Frisuren registrieren, beides üben, mit der automatischen Entsperrung etwa per Bluetooth-Fitnesstracker experimentieren – alles unpraktischer als einfach ein Fingerabdruckscanner im Home-Knopf. Hoffen wir auf die Serienreife von ins Display eingelassenen Scannern… Bis dahin werde ich bei einer PIN bleiben; immerhin lässt sich das Note 8 per „Force Touch“ auf den virtuellen Home-Knopf einschalten und die PIN auf Wunsch ohne abschließendes „Return“ eingeben.

Meine Lieblingsfunktion beim Note 4 war die „Screen-Off Memo“: Beim ausgeschalteten Gerät zieht man den Stift, schreibt auf dem dann anspringenden Display eine Notiz, steckt den Stift ein und schaltet das Note dadurch wieder aus. Die Notiz landet automatisch bei Evernote und somit auf allen synchronisierten PCs. Ein echter Produktivitätsgewinn.

Diese Sofortnotiz selbst klappt auch beim Note 8, dank schneller Hardware wartet man ein paar Sekündchen weniger. Doch wie schon beim Note 7 bemängelt, ist Samsungs Notiz-App nun nicht mehr in der Lage, sich mit Evernote oder einer anderen vom PC aus erreichbaren Cloud zu synchronisieren. Nur ein Backup zur Samsung-Cloud ist möglich, doch das lässt sich nur von Samsung-Handys und -Tablets aus abrufen. Es ist auch nicht möglich, diese Sofortnotiz-App durch eine andere zu ersetzen, etwa OneNote – obwohl das Microsoft Office sogar vorinstalliert. ist

Eine Neuigkeit ist das Anpinnen einer Sofortnotiz aufs Always-On-Display – wie schon einige Samsung-Smartphones zeigt das Note 8 auf Wunsch auch bei ausgeschaltetem (im Sinn von Standby, nicht heruntergefahren) Gerät Uhrzeit, Datum und Benachrichtigungen an, was dank OLED-Display wenig Strom kostet. Die angeheftete Sofortnotiz bleibt dann ständig sichtbar, ohne das Gerät einzuschalten; praktisch etwa für Einkaufslisten.

So richtig nützlich wird das, wenn man die Haftnotiz auch ändern kann, und das geht mit einem wenig intuitiven Trick: Man tippt per Finger zweimal auf die Notiz, wodurch sie sich öffnet – und erst dann zieht man den Stift aus der Halterung. Nach den Änderungen darf man aber nicht vergessen, die geänderte Fassung erneut anzuheften. Die Haftnotiz darf länger als eine Seite werden, wobei man aber nur in diesem Änderungsmodus blättern kann. Zieht man den Stift ohne den Finger-Doppelklick heraus, erstellt man eine neue, leere Notiz.

Leider habe ich keine Möglichkeit gefunden, ältere Einträge der Notiz-App anzupinnen – das klappt nur mit einer frischen Sofortnotiz. Zu viel mehr als einer immer wieder leer begonnenen Einkaufsliste taugt das Anheften also nicht. Immerhin lassen sich aus allen Apps beliebige Bilder und Texte anpinnen, und über diesen Umweg dann auch eine vorbereitete Notiz. Da es sich dabei aber nur um Bilder handelt, ist keine Bearbeitung möglich, ja nicht einmal ein Starten der jeweiligen App.

Die übrigen Stiftfunktionen bleiben weitgehend unverändert: Auf Wunsch öffnet sich ein Icon mit Direktzugriff auf Funktionen wie Screenshot oder neue Notiz, einige Apps blenden beim Draufzeigen per Stift Zusatzinformationen an, die virtuelle Tastatur hat ein Stift-Eingabefeld mit einer schnellen und präzisen Handschrift-Erkennung.

Der Stift funktioniert hervorragend, bietet ein großartiges Schreibgefühl, arbeitet präzise – nicht nur in der mitgelieferten und bis auf die fehlende Synchronisation guten Notiz-App, sondern auch in weiteren Apps wie Squid oder den synchronisierenden Evernote und OneNote.

Zur Hauptkamera gibt es wenig zu sagen: ein Spitzensensor wie beim S8/S8+, die Automatik belichtet etwas heller. Jedenfalls sieht es im Labor so aus, bei Sonnenschein konnten wir in Ermangelung desselben bisher nichts testen.

Der zweite Sensor hat einen Zweifach-Tele. In der Kamera-App wählt man ihn wie beim iPhone 7plus und OnePlus 5 per x2-Knopf neben dem Auslöser. Alternativ zoomt man per Lautstärkewippe oder Auslöse-Schaltfläche. Der Zoom-Sensor liefert ebenfalls hochklassige Fotos, die im direkten Vergleich zum iPhone 7plus stärker geschärft sind, so gerade noch natürlich wirken und mehr Details zeigen. In den Schatten zeigt das iPhone etwas mehr Details, wobei das Note 8 aber schon nicht schlecht ist. Im Blindtest schnitt das Note-Tele knapp besser ab als das Tele des iPhone.

Bei schlechtem Licht – dazu zählt schon ein mäßig beleuchteter Innenraum bei bedecktem Himmel – wählt die Kamera-App allerdings gar nicht den Tele-Sensor, sondern liefert einen Digitalzoom des Primärsensors (mit größerer Blende). Der Nutzer bekommt das nicht mit, erst ein Blick in die EXIF-Daten des Fotos verrät es: f/1,7 und 4,3 mm sind der Primärsensor, f/2,4 und 6 mm das Tele. Fremd-Apps und auch die Samsung-App im DNG-Pro-Modus bekommen immer nur Daten des Primärsensors.

Die zweite Funktion der Doppellinse heißt „Live-Fokus“, ein digitaler Bokeh-Effekt, der das Motiv scharf und den Hintergrund unscharf abbildet. An einem Schieberegler verstellt man die Effektstärke und erzielt damit für Portraits durchaus brauchbare Ergebnisse. Objekte sind etwas besser freigestellt als beim iPhone 7plus, ungefähr so gut wie beim hier überraschend präzisen OnePlus 5. „Durchlöcherte“ Objekten wie etwa Pflanzen stellen alle drei Kandidaten vor unlösbare Aufgaben – eine echte optische Tiefenunschärfe bleibt den Ratealgorithmen weit überlegen.

Die Effektstärke kann man nachträglich in der Galerie-App ändern. Tippt man dann „als neue Datei speichern“, erkennen auch Auto-Uploader wie Lightroom Mobile oder Dropbox das als ein neues Foto. Das Note 8 speichert dazu nicht nur das zusammengerechnete Foto, sondern auch die beiden Originale ab. Sie landen in derselben, dadurch dreifach größeren JPG-Datei. Unter Windows habe ich noch keine Möglichkeit gefunden, daraus die Einzelbilder zu extrahieren.

Das Note 8 wartet mit toller Hardware auf. Der Prozessor Samsung Exynos 9 Octa kommt auch im S8 und S8+ zum Einsatz und schlägt sich wie dort hervorragend auf einer Höhe mit dem bisherigen Spitzenreiter Qualcomm Snapdragon 835. Mal hat der eine die Nasenspitze knapp vorn, mal der andere, ohne dass es einen klaren Favoriten gibt. Bei voller Auslastung aller Kerne drosselt sich der Prozessor nach einigen Minuten um 30 bis 50 Prozent, aber das effizient: Nach wenigen Minuten Verschnaufpause legt er wieder auf die ursprüngliche Geschwindigkeit zu.

Damit landet das Note 8 in der Spitzengruppe der ähnlich ausgestatteten und dadurch praktisch gleich schnellen Smartphones wie das S8/S8+, OnePlus 5, HTC U11 und allen anderen mit Snapdragon 835. Wie viele von diesen Spitzen-Smartphones gibt es das Note 8 direkt zur Markteinführung in einer Dual-SIM-Variante, allerdings nur bei Samsung im Online-Shop, wo die 999 Euro Kaufpreis gesetzt sind. Die Single-SIM-Variante dürfte bei Händlern bald etwas billiger zu haben sein.

Installiert ist Android 7.1.1 mit (zumindest beim Testgerät) Security-Patch vom August. Samsung hat das Android stark verändert und auch einige Google-Apps durch eigene ersetzt. Echt nutzlose Crapware ist nicht installiert, die Deinstallation einiger Apps inklusive Microsoft Office räumt etwa ein Gigabyte Speicher frei; dann sind etwa 50 der 64 GByte nutzbar. Ein MicroSD-Slot ist vorhanden, leider teilt er sich den Steckplatz mit der zweiten SIM. Wie bei Samsung üblich, ist eine Formatierung als interner Speicher nicht vorgesehen, sondern nur als mobiler Speicher. Dadurch muss man Apps einzeln dorthin bewegen, kann die Karte aber entnehmen und in anderen Geräten lesen.

Ein Update auf Android 8 soll kommen, ohne dass sich Samsung auf einen Termin festnageln lässt. Einerseits kann Samsung so schneller ausliefern (wie das auch HMD beim Nokia 8 macht), andererseits soll das Sony Xperia XZ1 mit Android 8 auch schon Ende des Monats fertig sein. Statt zwei Wochen aufs Gerät müssen Kunden nun mehrere Monate auf Android 8 warten.

Der Lautsprecher klingt gut und verzerrungsfrei, ich hätte ihn mir aber lauter gewünscht. Er sitzt unten neben Kopfhöreranschluss und USB-Buchse. Der USB-C überträgt ein Monitorsignal mit bis zu 4K-Auflösung hochskaliert von der Display-Auflösung.

Exakte Laufzeitmessungen konnten wir mangels Zeit noch nicht durchgeführten – ds werden wir kommende Woche nachreichen. Ein erster Eindruck vom Always-On-Display: Es kostet etwa einen halben Prozentpunkt Akku pro Stunde und verdoppelt somit die Standby-Leistungsaufnahme. Mit ausgeschaltetem Display braucht das Note 8 etwa 0,5 Prozentpunkte pro Stunde, dürfte also im Standby rund 200 Stunden (über eine Woche) laufen. Mit Always-On-Display sind es um ein Prozentpunkt.

Stift-Fans müssen die Kröte schlucken, dass ihre Sofortnotizen nicht mehr in der Cloud landen – ob das außer mir überhaupt viele genutzt haben, weiß ich nicht. Auch bei den Klebezettelchen für das Always-On-Display bleiben viele Wünsche offen. In allen anderen Aspekten ist das Note 8 dem Note 4 haushoch überlegen. Es ist vier Millimeter schmaler und somit trotz deutlich größeren Displays und 20 Gramm höheren Gewichts handlicher. Wenn man sich seit dem Note 4 wirklich kein Smartphone gekauft hat, sieht auch der Preis nicht mehr so hoch aus.

Legt man aber auf den Stift keinen Wert, wird das hauseigene Galaxy S8+ der hauptsächliche Konkurrent. Demgegenüber punktet das Note 8 nur mit dem tollen Zweifach-Tele – die Haupt-Kamera legt gegenüber der schon hervorragenden des S8/S8+ kaum zu. Die weiteren kleinen Hardware-Vorteile wie 2 GByte mehr Hauptspeicher und das minimal größere Display fallen kaum ins Gewicht, eher schon die Nachteile: Das Note 8 ist dicker und schwerer als das S8+, und deutlich teurer – 128 GByte Speicherplatz hätte Samsung dafür ruhig mal springen lassen können. (jow)

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