4W: Was war. Was wird. Vom Leben in interessanten Sommern

wwww Was war. Was wird. Vom Leben in interessanten Sommern

Hal Faber

Ich? Ein Hund? Wie kommt ihr darauf?

(Bild: Michal Jarmoluk, Public Domain (Creative Commons CC0))

Der Hund hat die Daten gefressen, bestimmt! Und Flash gleich mit sowie die Fluggastdatenabkommen und den Diesel. Es ist halt noch immer so, dass im Internet niemand weiß, dass Du ein Hund bist. Das haben die Hunde den Katzen voraus, irrlichtert Hal Faber.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Aus dem Handbuch für Windows 1.0 von 1985: "Malvorlagen"
Aus dem Handbuch für Windows 1.0 von 1985: „Malvorlagen“ Vergrößern
*** Willkommen zurück in den Ebenen des Alltags. Die Zeit der Sommerrätsel ist vorbei, viele sind gelöst, nur wenige bleiben offen. Ungelöst ist nach wie vor die Frage der risikobehafteten Pooltermine und warum Journalisten mittenmang auf dem G20-Gipfel ausgesclossen wurden. Die versprochene Aufklärung bleibt aus, zum Teil mit putzigen Begründungen durch das Bundeskriminalamt. Es hat den Anschein, als ob auch Dateien Urlaub haben und nicht nur die verantwortlichen Sachbearbeiter. Am Ende hat ein Hund die Diskette gefressen, jede Wette. Andere Fragen konnten besser beantwortet werden, etwa die nach den Angriffen der Antifa, die in Berlin angeblich den Topics-Buchladen ruinierte, der auf esoterische Literatur spezialisiert war und regelmäßig okkulte Lesungen veranstaltete. Eine dieser Lesungen über den Esoteriker und Rassentheoretiker Julius Evola war der berühmte Stein des Anstoßes für den blühenden Unsinn, der durch die Blasefilter des Netzes gepustet wurde. Am Ende der Geschichte möchte uns das gelehrte republikanische Feuilleton in diesem unseren Leben etwas Halt geben, wenn es heißt: „Hätte dagegen ein breiter aufgestellter Laden – etwa mit Schulbüchern für die migrantischen Kinder des Viertels, also mit Bezug zur sozialen Realität vor der Ladentür in Neukölln – einen solchen intellektuellen Mini-Shitstorm nicht locker überlebt?“ Die Antwort auf diese verquirlte Kausalität ist nö, wir haben keine Dolly Parton.

*** „Mögest du in interessanten Zeiten leben“ ist angeblich ein chinesischer Fluch in amerikanischer Kurzfassung. Ausgeschrieben ist es schwer, sich einen heftig Fluchenden vorzustellen, der da sagt: „Ist man zu einem ungünstigen Zeitpunkt geboren, so hat man Kummer und viele Sorgen. Gibt es keinen Winter oder Sommer, so ist das Herz regelmäßig traurig und voll Sorge.“ Nun, wir haben immerhin Sommer und hoppla, wir leben in sehr interessanten Zeiten. Wer kann sich schon vorstellen, dass eine fehlende Sicherheitsüberprüfung der herangezogenen SysAdmins aus Tschechien und Rumänien zu einer heftigen Regierungskrise in Schweden führt, an deren Ende zwei Minister von ihrem Chef den Laufpass bekommen? Zumal es bis heute keine Beweise gibt, dass diese Techniker sich an den Daten vergriffen. Innenminister Anders Ygeman und Infrastrukturministerin Anna Johansson mussten gehen, am Tag, bevor die SysAdmins dieser Welt geehrt wurden. Man stelle sich analog einen Thomas de Maizière und einen Alexander Dobrindt vor, die es bei uns ereilen könn … aber halt, wir basteln testweise noch am tollen Bürgerportal, das Schweden vor 13 Jahren eingeführt hat. Eine deutsche Behörden-Cloud ist nach dieser Differenz dann frühestens 2030 im Gespräch. Ob es dann noch IBM mit seinem Cloud-Angebot geben wird? Die einstmals stolze Firma dürfte schwer unter dem schwedischen Debakel leiden, obwohl es ihr vertraglich gestattet worden war, SysAdmins eigener Wahl zu beschäftigen. Die Antwort auf diese Frage ist schlicht: IBM lebt in interessanten Zeiten.

*** Gibt es keinen Sommer, sind die Herzen traurig. Gibt es kein Paint mit putzigen Malvorlagen wie oben, sind sie noch trauriger. So ist der Jubel groß, wenn das „kultige Malprogramm“ weiterleben kann. Wie kein anderes soll MS Paint das Potenzial des Personal Computers für Partizipation und Emanzipation verkörpern. Ein Programm wie das Theater von René Pollesch, verweisend auf eine Zeit, in der der Cyberspace noch eine demokratische Hoffnung war. Echt jetzt. Wo bleiben eigentlich die tiefsinnigen kulturkritischen Betrachtungen über das angekündigte Ende von Flash und den Einfluss auf das Theater von René Pollesch? Gibt es vielleicht ein Einordnungsproblem wie bei Johnny Flash? Ein schnödes Auf Nimmerwiedersehen kann es ja nicht sein. Den absolut besten Beitrag aus Programmierersicht lieferte der Forist Crass Spektakel mit seiner Leidensgeschichte im Stromberg-Modus. „Leadership Decisions“ beflügeln nicht nur Pferde.

*** Deutschland ist nicht China, Europa auch nicht. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zum Fluggastdatenabkommen der EU mit Kanada macht die Herzen froh und hellt die Gemüter sommersonnig auf. Let the sunshine in! Auf dem Weg in die totale Überwachung müssen nun die Abkommen mit den USA und Australien auf den Prüfstand. Auch die Basteleien an der großen europäischen Datenbank stehen vor einer sportlichen Herausforderung: Will der Start im Mai 2018 gelingen, müssen die Hinweise des EuGH in einem Drei-Wochen-Sprint eingepflegt werden. Etwas einfacher dürfte da die Umsetzung des ebenso erfreulichen Urteils zum Keylogger sein. Einfach nicht einsetzen, diesen Überwachungs-Mist, liebe Bluebox Medienagentur. Dann klappt es auch mit der Mitarbeiter-Zufriedenheit.

*** Während in Deutschland (Nicht-China) die hohe Kunst des schläfrigen Wahlkampfes bis zur Ermattung des letzten Restes von Verstand führt und Fake-Wahlplakate die Diskussion dominieren, drückt der immer-noch-Wahlkämpfer Donald Trump auf den Reset-Knopf. Beim antiken PC-Hardware-Äquivalent zu shutdown -q echo off schreitet die Militarisierung und Vulgarisierung der US-Regierung fort. Mit den Ausfällen vom neuen Kommunikationschef Scaramucci halten knallharte Praktiken Einzug, die gestählte Wall-Street-Reporter schon länger kennen. Interessant wird es sein, wie es mit den Leaks weitergeht und ob das ausgesprochene Verbot der Verschlüsselung durchgesetzt werden kann. Stimmen die Meldungen, so nutzen zumindest Schwiegersohn Jared Kushner und Trump-Anawalt Michael Cohen den Messenger Signal mit seinen Verschlüsselungs- und Löschfunktionen. Die Crypto-Wars bleiben also spannend, nicht nur in den USA. Noch ist die Druckertinte nicht trocken, mit der das entsprechende Gesetz verkündet und rechtskräftig wird, da gibt es eine Klage gegen den Staatstrojaner, die aus dem Stand weg von über 34.000 Bürgern unterzeichnet wurde. Wenn das mal kein digitales Sommmermärchen ist! Spätestens am 9. September gibt es was zu feiern.

Was wird.

In der kommenden Woche unterbricht die Politik ihre Sommerferien/Wahlkampfbeduselung, denn da gibt es auf Verlangen von einem Südstaatler einen Diesel-Gipfel in Berlin. Bis auf Bobby-Car haben alle deutschen Autobauer Dreck am Stecken. Gleichzeitig ist das stinkende Auto gleich nach dem Smartphone des Deutschen liebstes Spielzeug. So wird die Entscheidung, ein Dieselverbot in Stuttgart zu genehmigen, mit einer Gottesstrafe gleichgesetzt. Denn endlich frei sein, das funktioniert nur mit Diesel. Die Umprägung auf Elektroautos kommt nur langsam in Gang, da sind Porsche und Mercedes-Benz Spätstarter. Besagter Südstaatler macht als Nichtstarter derweil Wahlkampf mit absurden Vorschlägen. Es ist halt alles eine Frage des Antriebs.

Tja, der Wahlkampf. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder daran zu erinnern, wie unsicher Wahlcomputer sind und zumindest nichts in der Wahlkabine zu suchen haben. Deutschland ist nicht China! Das Voting Village auf der Defcon zeigte, wie alle bekannten Wahlcomputer kompromittiert werden konnten, unter ihnen ein System mit Windows XP. Winvote wurde in 1 Minute und 40 Sekunden geentert. Man kann es einfach auf den Punkt bringen: elektronische Wahlhelfer sind Wahlfälscher. Somit schließt die kleine Wochenschau, nicht ohne an den größten lebenden Roboter zu erinnern, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Im November 2005 wurde er von einem Wahlcomputer ausgezählt und zunächst nicht Auf der HAR 2009, im bunten Hemd Andreas Bogk vom CCC
Auf der HAR 2009, im bunten Hemd Andreas Bogk vom CCC Vergrößern
zur Wahl zugelassen. Das Abschlussbild stammt nicht von der Hackerkonferenz SHA 2017, denn die beginnt erst am kommenden Freitag. Auf der HAR zerlegte der Chaos Computer Club im Sommer 2009 einen Nedap-Wahlcomputer nach allen Regeln der Hacker-Kunst. (jk)

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