Künstliche Intelligenz: „Fake Music“ auf dem Vormarsch

Künstliche Intelligenz: „Fake Music“ auf dem Vormarsch

Stefan Krempl

Auf einer Konferenz des Hybrid Music Lab ließen Experten keinen Zweifel daran, dass Maschinen künftig verstärkt Songs komponieren und prinzipiell sogar eigenständig über Blockchain-gestützte Portale verkaufen können.

„Fake News“ waren gestern, jetzt kommt „Fake Music“. „Wir werden Musik haben, die fingierte Künstler, also Maschinen gemacht haben“, konstatierte Stephan Baumann vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) am Freitag auf einer Satellitenkonferenz des Hybrid Music Lab im Rahmen des Tech Open Air in Berlin. Ein Bekannter von ihm, der von Spotify abgeworden sei, habe bereits zwei Songs veröffentlicht, die mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) komponiert worden seien. Es gebe einige Fans davon, letztlich würden mit dieser Art der Musikgenerierung neue Geschäftsmodelle entstehen.

Jeder, der sich ein wenig mit Computern und Musiksoftware auskenne, könne in diesen Markt einsteigen, meinte der Experte für smarte Daten und Wissensdienste. „Echte Genies“ müssten vor dieser Entwicklung aber keine Angst haben, da die Algorithmen mit positiven Stilformen angefüttert würden und letztlich immer ähnliche Sounds produzierten. Nicht möglich sei es dagegen, ein „bislang unbekanntes Extra“ herauszuzaubern. An diesem Knackpunkt der Originalität werde auch in den nächsten Jahren wenig passieren. Es bleibe zunächst dabei, dass KI nur Stücke „ähnlich wie Beethoven“ oder andere bekannte Künstler erstellen könne.

Echtzeit-Kompositionen

Eine ganze „Welle neuer Startups“ habe sich darauf fokussiert, mithilfe von KI-Techniken wie Maschinenlernen und Big Data Musik zu erzeugen, ergänzte Valerio Velardo von Melodrive. Neben der Firma, in der er arbeite, gehörten etwa Jukedeck oder Humtap dazu. Häufig gehe es dabei etwa darum, Musik für lange Multiplayer-Games zu schaffen. Noch gebe es dabei aber viele technische Grenzen, da wenig auf Echtzeit-Produktion ausgerichtete Systeme auf dem Markt seien und diese oft nicht auf die Emotionen der Spieler ausgerichtet werden könnten.

Die Idee dahinter ist es laut Velardo, eine musikalische Blaupause im Rechner zu erzeugen, diese mit der Maschine für ein Computerspiel zu verbinden und dann in Echtzeit abhängig von den gespielten Situationen einen musikalischen Untermalung zu generieren. Szenen wie der Kampf mit Drachen oder die Ankunft in einem Dorf könnten dabei vorab programmiert und dann spezifisch an das Spiel angepasst werden. Zu den größten Herausforderungen gehöre es dabei, weiche Übergänge hinzubekommen, die gerade vorherrschenden Gefühle abzubilden und möglichst wenig Computerressourcen zu verwenden. Auch wenn der Durchbruch bei solcher „adaptiver Musik“ noch ausstehe, ist sich Velardo sicher, dass KI den Komponisten helfen wird, vor allem für interaktive Medien bessere Werke zu kreieren.

KI-Komponisten vermarkten sich über Blockchains

Auch die vielfach gehypte Blockchain-Technologie spielt in den Szenarien der digitalen Vordenker des künftigen Musikgeschäfts bereits eine große Rolle. Eine KI könnte bald Songs produzieren und dann über ein solches dezentrales Datenbanksystem verkaufen und selbst Geld verdienen, malte der Berater Frank Sonder eine der künftigen Möglichkeiten aus. Maschinenlesbare Daten ließen sich mit verschiedenen Vereinbarungen in Form „smarter Verträge“ in der Blockchain verbinden, erläuterte Peter Harris vom Streaming-Dienst Resonate.

Theoretisch sei das KI-Szenario also machbar. Firmen wie Ujo Music hätten auch schon einfach Lösungen parat, um Musik etwa über die auf der Blockchain aufbauenden Plattform Ethereum zu verkaufen. Das derzeit größere Einsatzgebiet der Datenbanktechnik sieht Harris aber darin, die derzeit für Streaming gezahlten Flatrates von meist zehn Euro pro Monat gerechter zu verteilen. Rechte für und Abrufe von Songs und alle Beteiligten könnten über ein Blockchain-System transparent und eindeutig verwaltet und abgerechnet werden.

Titel mit Algorithmen filtern

Solche Nutzungsdaten heutzutage nicht zu erheben, sei „verrückt“ in einer Zeit, in der das menschliche Genom sequenziert sei, betonte George Howard von der Open Music Initiative. Es gebe kein gutes Argument mehr, die Blockchain nicht mehr für die Abrechnung von Musik zu verwenden. Vor allem mit Micropayments könnte so Volumen geschaffen werden, was auch die vielbeschworene Selbstvermarktung von Künstlern und Bands befördern würde. Wenn mehr „große Namen“ von Labels ihre Rechte zurückforderten, was in den USA nach 35 Jahren möglich sei, könnten sie die für dieses Modell nötigen Netzwerkeffekte erzeugen.

Eine wichtige Funktion schreiben die Praktiker Algorithmen zudem bei der Organisation und beim Filtern der verfügbaren Musiktitel zu. Mithilfe der Programmroutinen könnten Songs analysiert werden etwa auf den Einsatz von Trommeln und der damit verknüpften „Energie“, Vorlieben von Freunden mit einbezogen oder kontextuelle Informationen herangezogen werden, berichtete Baumann. Wer einmal zu Songs von Daft Punk das Ziel bei einem Marathon erreicht habe, könnte davon so auch bei einem weiteren Lauf angespornt werden. Ein Problem dabei sei aber, dass Musikplattformen über diese Filter eine gewisse Kontrollmacht ausüben und zum Gatekeeper werden könnten. (axk)

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