Amazon-Serie „American Gods“: Götter in der Existenzkrise

Amazon-Serie „American Gods“: Götter in der Existenzkrise

Volker Briegleb

(Bild: Amazon Video)

In seinem preisgekrönten Roman lässt Neil Gaiman viele Gegenwartsthemen anklingen, dicht gepackt in eine Mystery-Geschichte um alte und neue Götter. Zu viel Stoff für einen Film, aber eine Serie könnte passen.

Am Anfang ist das Gemetzel. Eine Horde Nordmänner landet an einem gottverlassenen Strand, bereit die neue Welt zu erobern. Die durchaus wehrhafte indigene Bevölkerung hat da etwas gegen. Die Nordmänner blasen zum Rückzug, doch ihre Götter sind ihnen nicht gewogen. Erst nach blutigen Ritualen lassen die Götter wieder günstige Winde wehen, unter denen die Nordmänner wieder nach Hause segeln. Den Gott, den sie mit ihrem eigenen Blut besänftigt haben, lassen sie zurück.

Endkampf der Götter

Zurück in der Gegenwart wird Shadow Moon, der nach drei Jahren im Knast auf Bewährung raus darf, überraschend ein paar Tage früher entlassen. Seine Frau hatte, im Auto seines besten Freundes, einen Unfall und ist gestorben. Auf dem Flug nach Hause trifft er Mr. Wednesday, der ihm einen Job anbietet. Noch weiß Shadow nicht, dass ihn dieser Job mitten auf ein Schlachtfeld werfen wird, auf dem alte und neue Götter erbittert um die Menschheit kämpfen.

Die alten Götter, die über die Jahrhunderte mit den Einwanderern ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten kamen, können nur überleben, wenn jemand an sie glaubt. Odin, Anubis, Osatara und andere drohen mit der Erinnerung der Menschen zu verblassen. Sie stellen sich den neuen Göttern dieser Zivilisation: Technik, Medien, Markt.

Es fließt viel Blut in American Gods. Das ist kaum überraschend: Für die Verfilmung des preisgekrönten Romans von Neil Gaiman zeichnet unter anderem Bryan Fuller verantwortlich, der in der Gourmet-Serie „Hannibal“ für ein US-Network-Format zuletzt erstaunlich viel Blut vergießen durfte. Fuller übersetzt Gaimans betont nüchterne – und stellenweise langatmige – Prosa in opulente, manchmal geradezu psychedelische Bilder. Es ist eine wilde Mischung aus Fantasy, Mythologie, Mystery und Roadmovie. „‚Kampf der Titanen‘ und ‚Grifters'“, fasst Fuller die Serie passend zusammen.

Wer Gaimans Werk (u.a. die „Sandman“-Comics) kennt, wird sich da gleich zu Hause fühlen. Sicher werden die Fans was auszusetzen haben – an den Kompromissen, die man bei der Verfilmung so eines Romans immer machen muss, an der Besetzung, an Auslassungen. Trotz aller im Detail vielleicht berechtigten Kritik – für Fans von Gaiman und des Genres ist „American Gods“ ein Leckerbissen, mit Gusto serviert von Fuller und einem eindrucksvollen Ensemble.

Fuller und sein Co-Autor Michael Green halten sich eng an die Vorlage. Fans des Buches werden das zu schätzen wissen. Gaiman lässt seine Hauptfigur – und den Leser – nur ganz langsam wissen, was da überhaupt passiert. Was für einen Roman, bei dem man angesichts von 600 Seiten weiß, worauf man sich einlässt, funktionieren kann, ist für eine Fernsehserie ein ziemlich hohes Risiko: Ist der Zuschauer nicht ab der ersten Folge am Haken, ist er weg.

Stoff für drei Staffeln

Das dürfte die größte Schwäche von „American Gods“ sein: Wie der Roman lässt sich die Serie viel Zeit, die Geschichte über die in den USA gestrandeten mythischen Gottheiten auszubreiten. Wer den Roman nicht kennt und mit dem Genre nichts anfangen kann, wird sich schwer überzeugen lassen, noch eine zweite Folge zu gucken. Die ersten Kritiken sind zwar überwiegend gut. Doch wäre es nicht das erste Mal, dass sich das Publikum anders entscheidet.

Die acht Folgen der ersten Staffel bilden vielleicht ein Drittel des Romans ab. Das ist das Dilemma des Serienjunkies: Man lässt sich ein, die Staffel endet mit einem Monster-Cliffhanger – und wird dann abgesetzt. Für „American Gods“ sind die Karten noch nicht endgültig gelegt. Eine zweite Staffel ist wahrscheinlich, die Entscheidung aber noch nicht offiziell. Material gibt es genug, sagt Fuller.

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Quelle: Amazon

„American Gods“ läuft ab Sonntag in den USA beim Kabelsender Starz. Der Rest der Welt kann die Folgen Woche für Woche jeweils einen Tag später bei Amazon Prime Video sehen (Deutsche Fassung und Originalversion). (vbr)

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