Little Nightmares angespielt: Bedrückende Horror-Delikatesse

Little Nightmares angespielt: Bedrückende Horror-Delikatesse

Peter Kusenberg

Ein Mädchen im gelben Anorak trippelt durch eine Welt voller alptraumhafter Schauergestalten: Das Plattform-Horrorspiel Little Nightmares lehrt den Spieler das Fürchten.

Die kleine Six erwacht in einem dunklen Raum. Das Gebäude, in dem sich die Protagonistin aus Little Nightmares befindet, schwankt, knirscht, zischt und knarzt, als befände sie sich auf einem Ozeandampfer. Türen, Möbel und umherliegende Gegenstände wirken riesengroß, selbst auf die Sitzfläche eines Hockers muss sie sich hinaufziehen. Auf ihren dünnen Beinchen läuft sie voran, um einen Weg in den nächsten Raum zu finden und mehr über Geschichte und Sinn dieser verstörenden Reise zu lernen.

Aufdringliche Typen

Die Neugier spornt mich an, die Geschicklichkeitsparcours zu meistern und mehrstufige Rätsel zu lösen – die sind immerhin interessant genug, um die mangelnde von Story und fehlende Dialoge auszugleichen. Six besitzt kein Inventar, so dass sie die wenigen Dinge, die sie findet, sofort zur Lösung eines Problems einsetzt. Mehrmals hebe ich Blechspielzeug auf, um damit Schalter zu bewerfen, damit ein Fahrstuhl startet. Oder ich klaube Schlüssel von Tischen, um Hängeschlösser zu öffnen. Diese Passagen verlangen Geistesgegenwart, denn in der Nähe der Schlüssel verrichtet stets einer der grotesken Bewohner der Alptraumwelt seine Arbeit.

Im untersten Deck schlurft etwa ein blinder Hausmeister umher, der mit seiner feinen Nase das unvorsichtige Mädchen erschnüffelt. Im mittleren Deck trifft Six auf einschüchternde Köche, die schrill zu schreien beginnen, sobald sie die Kleine unter dem Schrank hervorhuschen sehen. Nur, wer sich die Laufwege der routinierten Köche einprägt, kann sich den Schlüssel schnappen.

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Fleisch ist ein Stück Überlebenskraft

Little Nightmares ist ab 12 Jahren freigegeben – trotzdem läuft mir manches Mal ein Schauer über den Rücken, wenn die langen Klauen des Hausmeisters nach dem Nacken meiner Spielfigur grapschen. Die Speicherpunkte sinnvoll platziert. Wenn ich draufgehe, kann ich also gleich wieder mit der heiklen Sequenz befinden. Der Anspannung tut das keinen Abbruch, was der vorzüglichen Horror-Inszenierung der Entwickler von Tarsier Studios geschuldet ist. Sie haben eine Atmosphäre geschaffen, die an den französischen Kunstfilm Delicatessen aus dem Jahr 1991 erinnert.

Dort schlachtet ein Metzger mit ellenlangem Hackebeil in seinem altmodischen Haus Menschen und verfüttert das Fleisch an seine hungrigen Mieter. In Little Nightmares sehen die Räume ähnlich heruntergekommen und verstaubt aus – und die schwabbeligen Köche bedienen sich mechanischer Fleischwölfe und Schlachtermesser, um ihre blutige Arbeit zu verrichten. Berge von Rollbraten, Würsten und Schinken liefern die Köche im Unterdeck an die hungrigen Wartenden auf dem Oberdeck. Sogar die kleine Six fällt zwischenzeitlich, von Schwäche übermannt, über Fleischstücke her, was mir eine ungute Vorahnung beschert: Sollte die Reise durch die alptraumhaften Fleischfabriken auf das Gemüt des Mädchens abfärben?

Ein kleines Manko stellt die ungenaue Steuerung dar: Manchmal bleibt Six an Pfosten oder Wänden hängen, weil ich nicht sehe, wo genau sich der Durchlass befindet. Im Normalfall ist das nicht der Rede wert, doch in heiklen Situationen kann ein einziger Fehltritt leicht das Leben des Mädchens kosten.

Zwischenfazit

Der Wechsel zwischen Rätselpassagen und nervenaufreibenden Verfolgungsjagden ergibt einen anregenden Spielfluss, der nicht übermäßig dadurch gestört wird, dass Six hin und wieder an Objekten hängen bleibt. Ich bange auch für den Rest des Spiels gern weiter ums Überleben der zähen Heldin.

Little Nightmares ist für Windows, PS4 und Xbox One zum Preis von 20 Euro erhältlich. USK: Ab 12 Jahren. Für unser Angespielt haben wir einige Stunden auf der PS4 Pro gespielt. (dahe)

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