Ghost in the Shell: Die Renaissance des Cyberpunk

Ghost in the Shell: Die Renaissance des Cyberpunk

Volker Briegleb

(Bild: Paramount)

Mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle kommt die Neuverfilmung des Manga-Klassikers ins Kino. Die Besetzung war Gegenstand von heftigen Debatten. „Ghost in the Shell“ ist trotzdem ein guter Film geworden.

Es ist ein Projekt mit Fallhöhe. Bei „Ghost in the Shell“ hatte Regisseur Rupert Sanders die einmalige Gelegenheit, gleich zwei Klassiker zu schänden: Den Ur-Text, Masamune Shirows 1989/90 erschienenen Manga, und Mamoru Oshiis Anime-Verfilmung von 1995. Da gibt es viele Fans, die man vor den Kopf stoßen kann. Es wird also sicher einige geben, die Sanders Neuverfilmung hassen werden – aus den gleichen Gründen, die den Abonnements-Spießer dazu bringen, die freie Bearbeitung von Kleists „Amphitryon“ in seinem Stadttheater vorzeitig zu verlassen: Ihr Urteil stand von vornherein fest. Dabei lohnt es sich, sitzen zu bleiben.

Purer Cyberpunk

Die Hauptfigur in „Ghost in the Shell“ ist ein kybernetischer Organismus: Ein mit Schnittstellen erweitertes menschliches Gehirn in einem vollständig künstlichen Körper. In Sanders Verfilmung leiht Scarlett Johanssen diesem Major, der als Spezialagent für die Regierungsorganisation Sektion 9 arbeitet, ihren Körper. Majors Team wird auf einen geheimnisvollen Hacker angesetzt, der mehrere Führungskräfte von Hanka Robotics getötet hat – dem Konzern, in dessen Labors der Major entstanden ist. Die Ermittlungen führen den Major zu ihren Wurzeln.

Mit dieser Erzählung weicht „Ghost in the Shell“ deutlich von seinen Vorlagen hab. Am Drehbuch haben – auch das ist mittlerweile üblich bei Blockbustern – über die Jahre bis zu sechs Autoren geschrieben. Sanders bebildert diese Geschichte mit Versatzstücken der verschiedenen Inkarnationen von „Ghost in the Shell“. So zitiert er ganze Szenen des Animes von 1995, passt sie aber in ein abweichendes Narrativ ein. Dass das funktioniert, liegt auch an Sanders bildgewaltiger Inszenierung. Mit seinen teils hyperartifizellen Effekten erweist dieser „Ghost in the Shell“ dem Anime seine Referenz.

„Ghost in the Shell“ ist purer Cyberpunk. Die Motive dieses Sub-Genres der Science Fiction sind schon in den Werken von Philip K. Dick oder John Brunner aus den 1960er Jahren angelegt und kulminierten in zwei Ur-Texten der 1980er: Ridley Scotts Dick-Verfilmung „Blade Runner“ und William Gibsons Roman „Neuromancer“. Beide haben Shirows „Ghost in the Shell“ stark beeinflusst. Auch Sanders greift die von Scott und Gibson geprägten Themen und Bilder auf. Die Welt von „Ghost in the Shell“ ist wie „Blade Runner“ auf Speed. Das ist auf jeden Fall toll anzusehen.

Eins muss sich Sanders vorwerfen lassen: Sein „Ghost in the Shell“ kondensiert aus den in der Vorlage aufgeworfenen Fragen nach technologischem Fortschritt, künstlicher Intelligenz, Bewusstseinswerdung und Körperlichkeit die Suche seiner Protagonistin nach ihrer Herkunft. Damit schafft er zwar einen emotionalen Bezugspunkt, an dem das Publikum Zugang zu dem ansonsten eher sperrigen Major findet, verschenkt aber auch das Potenzial der Vorlage. So ist das, wenn sich die Hollywood-Maschine einen Klassiker einverleibt: Bloß keine Komplexität. Mehr Emotion!

Scarlett ist nur eine Hülle

Und mehr Star-Faktor. Als bekannt wurde, dass Johansson für die Hauptrolle in „Ghost in the Shell“ gecastet worden war, hat die Empörungstwitteria in Overdrive geschaltet. Der Vorwurf: „Whitewashing“. Die Hauptdarstellerin in einem japanischen Klassiker müsste doch zumindest asiatische Wurzeln haben, so die schlichte Logik der internationalen Liga für Gerechtigkeit. Darüber muss man diskutieren. Jemandem wie Lucy Liu („Kill Bill“) hätte die Rolle auch gut gestanden. Warum also nicht?

Die Antwort liegt vermutlich weniger in antiquierter Identitätspolitik als in Hollywoods kalter Verwertungslogik. Ein international vermarktbarer Star von Hollywoods A-Liste muss den Film an der Kinokasse tragen. Bei einem Budget von angeblich fast 200 Millionen Dollar ist „Ghost in the Shell“ zu weltweitem Erfolg verdammt. Er muss über die Kernzielgruppe der Manga- und SF-Geeks hinaus funktionieren, die deshalb ein paar Zumutungen hinzunehmen haben. Eine davon heißt Scarlett Johansson.

Aber auch Scarlett Johansson ist nur eine Hülle. Angesichts einer Erzählung, in der es um die Frage nach Identität jenseits aller Körperlichkeit geht, ist die „Whitewashing“-Debatte auch ein bisschen niedlich. Als vollkybernetischer Organismus transzendiert der Major jegliche Konzepte von Rasse oder Gender. In Anbetracht der heutigen technologischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Regression in fragmentierende Identitätspolitik ist der Cyberpunk als postmoderne Utopie vielleicht so bedeutend wie noch nie zuvor: Das Genre ist heute mehr Science als Fiction. Der unbedingt sehenswerte „Ghost in the Shell“ markiert hoffentlich den Beginn einer Renaissance.

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Quelle: Paramount Pictures

„Ghost in the Shell“ ist ab 30. März im Kino, es gibt auch eine IMAX-Fassung. Der Manga ist seit Herbst 2016 in einer dreibändigen Neuauflage von Egmont Manga erhältlich. Mamoru Oshiis Anime ist auf DVD/Bluray oder bei verschiedenen Video-on-Demand-Diensten verfügbar. (vbr)

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