Gesetz gegen „Hate Speech“: YouTube-Chefin stellt sich gegen Maas

Gesetz gegen „Hate Speech“: YouTube-Chefin stellt sich gegen Maas

Stefan Krempl

(Bild: Foto: Jonas Bengtsson

)

YouTube-Managerin Susan Wojcicki befürchtet, dass die Initiative von Justizminister Heiko Maas gegen strafbare Inhalte in sozialen Medien auch legitime Stimmen unterdrücken könnte. Der Filtereinsatz sei immer eine Gratwanderung.

Starke Bedenken gegen den umstrittenen Referentenentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas für ein „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ hat die YouTube-Geschäftsführerin Susan Wojcicki vorgebracht. Die jüngst im Stillen verschärfte Initiative des SPD-Politiker stelle mit einer 24-Stunden-Löschfrist und Milliardenbußgeldern „hohe Auflagen“ für die Betreiber sozialer Netzwerke auf, konstatierte die Kalifornierin am Donnerstag bei einem „Kamingespräch“ mit Wirtschaftswoche-Chefredakteurin Miriam Meckel in Berlin. Die deutsche Politik schieße damit übers Ziel hinaus, da als Kollateralschaden legitime Stimmen „unterdrückt werden könnten“.

Zu Unrecht erfasst

Susan Wojcicki
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Bild: Google

Die Managerin der weltgrößten und zu Google gehörenden Videoplattform sieht diese zudem zu Unrecht von dem Vorhaben erfasst. Sie verwies darauf, dass die staatlichen Prüfer von Jugendschutz.net YouTube ein gutes Zeugnis ausgestellt hätten. Dort lag laut der Untersuchung die Löschquote der über ein „einfaches“ Konto gemeldeten strafbaren Beiträge bei 90 Prozent, 82 Prozent davon waren innerhalb von 24 Stunden aus dem Netz. Für Wojcicki ist so klar: „Die Selbstregulierung hat bei uns funktioniert.“ Trotzdem drohe YouTube nun mit in ein Umfeld mit zu starker Zensur hineinzugeraten.

Generell bezeichnete sie den eigenen Filtereinsatz als schmale Gratwanderung. Bei Google und den angeschlossenen Plattformen gebe es seit 2010 einen eingeschränkten sichtbaren Modus, der etwa auf Bibliotheken, Schulen und vergleichbare Einrichtungen ausgerichtet sei. Nun habe es aber etwa aus der LGBT-Community, die Interessen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern vertritt, Beschwerden gegeben, dass einschlägige Inhalte diskriminiert und von vornherein in dem „Sicherheitsmodus“ nicht angezeigt würden.

Entschuldigung an Werbepartner

Derlei Vorfälle würden weiter geprüft und die entsprechenden Algorithmen gegebenenfalls angepasst, erklärte Wojcicki. Bei YouTube habe niemand die Absicht, Inhalte zu zensieren. Es handle sich um eine offene Plattform, auf der laut den eigenen Gemeinschaftsstandards nur „Erwachseneninhalte“ wie Pornos, Hasskommentare oder Hetze nicht geduldet würden. Zugleich versicherte die Managerin aber auch, dass man sich in allen Ländern, die man bespiele, an die nationalen Gesetze halte.

Wojcicki entschuldigte sich bei allen Werbepartnern, deren Anzeigen ungewünscht in trotzdem gezeigten extremistischen Videos auftauchten. Dies hat bereits zu zunehmenden Boykotten auch größerer Marketingkunden geführt. Das Problem sei mittlerweile „auf höchster Ebene angelangt“, berichtete die Chefin. „Wir arbeiten noch daran.“ Videos seien heruntergenommen, zudem die Systeme und die Kontrollmöglichkeiten für die Partner verbessert worden. Einige Werber wollten „die größtmögliche Reichweite“, andere stärker zugeschnittene Zielgruppen. Dies mache die Sache nicht einfach.

Youtuber als Medienunternehmen

Live-Streams bezeichnete die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin als „neue Kunst- und Unterhaltungsform“, die YouTube auch teils „monetarisieren“ wolle. Das Unternehmen setzt schon seit Längeren auf Gebühren etwa für Konzertübertragungen, zusätzlich brachte Wojcicki „virtuelle Güter“ als weitere potenzielle Einnahmequelle ins Spiel. Die kreativen YouTuber selbst betrachte sie als „Videofirmen“, die im Schlafzimmer mit Tipps rund um Beauty oder Mode anfangen, dann aber auch rasch durch die Decke gehen könnten mit großen Abonnentenzahlen. „Das sind Medienunternehmen“, befand die Managerin, die teils ein Millionenpublikum beeinflussten. Die Regulierer hierzulande dürften an diesem Punkt aufmerksam zugehört haben.

Virtual Reality ist für Wojcicki eine „sehr interessante Technologie“. Die benötigten Headsets seien aber noch teuer und daher nicht so weit verbreitet, sodass sich ein Henne-Ei-Problem für Inhalte und Dienste aufgetan habe. Nicht nur bezogen auf das Silicon Valley räumte die Führungsfrau ein, dass nicht genug Vertreter des weiblichen Geschlechts Informatik studierten und die Quote so etwa auch bei YouTube die 30-Prozent-Marke noch nicht überschritten habe. Die Gesellschaft müsse die Wahrnehmung ändern, dass Computerwissenschaftler „geeky“ und „macho“ seien. Hilfreich könnte es auch sein, an allen Schulen Hackathons einzuführen.

Von Anfang an bei Google

Schmunzelnd erinnerte sich die Vorreiterin in der „Männerbranche“ an die Zeit, als Larry Page und Sergey Brin 1998 Google just in ihrer Garage in Menlo Park starteten: „Ich habe mich als erstes gefragt, ob sie die Miete zahlen könnten, den Müll recyclen und wie laut sie sein würden.“ Wenig später habe sie festgestellt, dass der neue Dienst „viel besser war als die bisherigen Suchmaschinen“. Obwohl das junge Team damals keinen Umsatz gemacht habe und sie schwanger gewesen sei, habe sie ihren sicheren Job bei einer nahen Größe im Chipgeschäft an den Nagel gehängt und an den Erfolg von Google geglaubt. (mho)

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